Über Prozesse, Krisen und Gleichungen
– ein schriftlicher Austausch zwischen Dominique Koch und
Nadine Wietlisbach

Nadine Wietlisbach: Sprache als Kommunikationsmittel, der Körper als Resonanzraum der Sprache und die Rezeption des Sprechens sind Aspekte die wichtig sind für deine Arbeit. Mich interessiert, ob Du den Beginn der Auseinandersetzung mit diesem einerseits festen, normierten und sich andererseits ständig veränderbarem Material beschreiben kannst. Gibt es eine Begegnung, eine Frage, die für ausschlaggebend war und sozusagen als Angelpunkt in deiner künstlerischen Auseinandersetzung funktioniert?

Dominique Koch: Dies ergab sich eher prozesshaft. Aber der Beginn einer fokussierten Auseinandersetzung markiert die Filmarbeit, die ich 2012 realisierte Imagine a Situation Where the Rules of the Game Change, die in ihrer Struktur selbst als Prozess angelegt war. Die Arbeit war die Dokumentation eines spontan geführten Gesprächs zwischen vier sich unbekannten Personen, die sich über die Sprache selbst zu unterhalten hatten. Diese sich daraus ergebende Situation einer stetigen Selbstreflexion, das Thematisieren der Sprache mit den Mitteln der Sprache zwischen Inszenierung und Spontaneität, ein sich ständig veränderbares, flüchtiges, Material, haben Fragen aufgeworfen, die ich seither weiter zu denken versuche. Dabei interessiert mich die Wechselwirkung eines normativen Codes und einer interpretativen Bedeutungsebene, ein System, strukturiert über unzählige Kombinationsformen, immateriell aber dennoch alles bestimmend. Ich nehme also Situationen oder Gegebenheiten in den Blick, in denen Sprache gewissermassen als Material eingesetzt wird, und über die sich Fragen zur Kapazität des Sprechens, zu Zeichen- und Übersetzungssystemen und deren Konsequenz auf die darin agierenden Körper artikulieren lassen. Sie sind verortet im Kontext des heutigen technisierten Zeitalters, in dem physische, biologische Körper agieren, aber welches immer mehr über abstrakte, computerisierte Datensysteme organisiert wird.

NW: Deine Arbeiten sind nicht nur inhaltlich vielschichtig, sondern auch in Bezug auf die Medien. Für die Arbeit Beyond Chattering and Noise hat Dein Bruder die Musik konzipiert. Kannst Du beschreiben, wie ein möglicher Arbeitsprozess aussieht?

DK: Ausgehend von einem Konzept initiiere ich Zusammenarbeiten mit Personen, deren Fachwissen die Arbeit inhaltlich bereichert oder auf technischer Ebene ihre Realisierung ermöglicht. Die aus den Zusammenarbeiten entstehende, meist gedankliche Materie ist mein künstlerisches Material, mit dem ich dann fortlaufend weiterarbeite. Für Beyond Chattering and Noise z.B. waren dies Gespräche mit Christian Marazzi (Ökonom) und Franco ‘Bifo’ Berardi (Theoretiker), ausgehend von einem Jeton, einer Münze der Académie française mit der Inschrift «A l’immortalité». Die Audioaufnahmen der Gespräche strukturieren nun das Filmskript und sind Basis für weitere textuelle Elemente in der Gesamtinstallation. Der Soundtrack des Films beruht auf dem Konzept, ausschließlich mit Stimmaufnahmen zu arbeiten, die mein Bruder Tobias Koch (Sounddesigner) verfremdet und bearbeitet hat, sodass daraus Klänge entstanden, mit denen er den Soundtrack komponierte. Stimme als künstlerisches „Material“ zu benutzen und über die Soundinstallation körperlich erfahrbar zu machen, erschien uns konsequent. Es ist also ein kollektiver und dialogischer Arbeitsprozess.

NW: Dieser Jeton aus dem 18. Jh. steht mit seiner Inschrift für die Unsterblichkeit der Sprache und des Kapitals. Wie stark ist dein Interesse an der Sprache verknüpft mit aktuellen politischen Umständen? Mich interessiert an dieser Arbeit besonders, dass sie Fragen aufwirft, inwiefern sich unsere Vorstellung von Geld und Macht auf sprachlicher Ebene analysieren und festhalten lassen. Ich denke dabei auch an die Kunst und die damit verwobenen Märkte.

DK: Mich interessiert Sprache gerade weil sie in so vieler Hinsicht das gegenwärtige System durchzieht. Die Mechanismen sind sehr komplex aber Sprache, Kommunikation, Informationen, Daten, sind nicht nur zentrale Anteile des Systems, sondern das System selbst, in seiner inneren Struktur, funktioniert nach semiotischen Parametern und linguistischen Mechanismen. Der Slogan „A l’immortalité“, eingeprägt im Jeton der Académie française, einer Institution, die für den Erhalt der französischen Sprache verantwortlich ist, hatte mich an ein Zitat von Jacques Derrida erinnert, in dem er beschreibt, dass nur unsterblich sein kann, was bereits gestorben ist, denn nur die Tatsache, dass etwas nicht ein zweites Mal sterben kann, macht eine Sache unsterblich. Es gibt also ein Negationsmoment, welches für jede (sprachliche) Konvention zentral ist. Denn um eine Konvention zu schaffen, sich auf eine genormte Form zu einigen, muss immer etwas anderes ausgeschlossen werden. Eine Auswahl beinhaltet automatisch einen Ausschluss. Ein Markt- und demnach Wertesystem ist über diese beiden Momente strukturiert. Monetärer Wert ist ein Konstrukt, eine Konvention, auf die man sich geeinigt hat und die einen Gegenstand als Gegenstand negiert. Eine Banknote kann nicht Geld und gleichzeitig ein normales Stück Papier sein. Entweder sie ist Geld oder Papier. Ihr Wert ergibt sich unabhängig vom Träger. Eine Kreditkarte ist nur noch Träger immaterieller Information. Geld, und da setzt z.B die These von Christian Marazzi an, wird immer mehr zu Sprache selbst, zu einem immateriellen Konstrukt, einer linguistischen Konvention, einem performativen Sprechakt im Sinne J. L. Austins, Philosoph und Begründer der Sprechakttheorie. (How to Do Things with Words hieß seine Schrift, die er 1962 veröffentliche.)
Sprechakte, ausgeführt von Personen in einer Autoritäts- und Vertrauensposition innerhalb des Marktes, die damit nicht etwas beschreiben, sondern die Fakten und Bedingungen im Moment ihrer Artikulation direkt erst kreieren, sind ein grundlegendes Element des heutigen Finanzkapitalismus. Spekulations- oder Panikmechanismen z.B. lassen sich ebenfalls über sprachliche Kategorien erklären. Und der Kunstmarkt schließt sich da natürlich nicht aus. Die unterschiedlichen Gedankengänge in meinem Film lassen sich also auch darauf anwenden.

NW: Deine Arbeiten beschäftigen sich mit komplexen Themen und sind nicht unmittelbar lesbar. Welche Rolle spielen für Dich die Zuschauerinnen und Zuschauer?

DK: Auf Ebene der räumlichen Inszenierung denke ich den Betrachter oft als Teil der Arbeit mit. Seine physische Präsenz innerhalb der Installation knüpft an inhaltliche Fragen an, die in der Arbeit verhandelt werden. In diesem Sinne kommt ihm eine zentrale Rolle zu. Was die inhaltliche Rezeption der Arbeiten angeht versuche ich gewisse Anhaltspunkte zu liefern, anhand derer die Arbeit inhaltlich aufgefächert werden kann aber es stimmt, der Betrachter muss eine gewisse Interpretationsarbeit leisten, wozu manchmal ein zweiter Blick oder ein paar zusätzlich recherchierte Informationen nötig werden. Gleichzeitig versuche ich die Arbeit in ihrer Form so vielschichtig wie möglich zu gestalten, sodass ein Betrachter, der sich mit der Arbeit nicht unbedingt auf inhaltlicher Ebene auseinandersetzt, womöglich einen anderen Zugang finden kann.

NW: Du verbringst neben Basel viel Zeit in Paris. Hat die Stadt an der Seine mit seinen historischen Bauten, traditionellen Ausstellungshäusern, Bibliotheken und Universitäten einen großen Einfluss auf deine Arbeit, deine Interessen? Wenngleich viele Kunstschaffende heute viel unterwegs sind und Städte sich in vielerlei Hinsicht angleichen, haben die unterschiedlichen urbanen Szenerien einen Einfluss auf meine Denkweise.

DK: Die Historik von Paris und das Traditionsbewusstsein seiner Bewohner sind sehr beeindruckend und bieten einen Fundus, aus dem man als Künstler reichhaltig schöpfen kann. Interessant ist aber vor allem das Aufeinandertreffen von Tradition und neueren Entwicklungen. Ein Beispiel ist die Académie française, eine sehr traditionelle Institution, die heute für Anglizismen französische Entsprechungen finden muss. Sie muss sich also neusten Sprachentwicklungen und Wörtern stellen, die über die digitalen Netzwerke und die daraus resultierenden neuen Kommunikationsweisen hervorgebracht werden. In meiner aktuellen Arbeit bietet der Jeton „A l’immortalité“, welcher von ihr herausgegeben wurde, den Ausgangspunkt, um das Verhältnis zwischen Sprache und neuen Formen eines kognitiven, semiotischen Kapitals zu thematisieren. Mich faszinieren die Kontraste, die Vielfalt, die diversen sozialen und teilweise extrem prekären Realitäten. Der innere Kreis von Paris ohne die Banlieues ist nicht sehr groß aber extrem dicht. Es treffen hier unglaublich viele unterschiedliche Denkweisen, Glaubensrichtungen und Kulturen aufeinander. Soziale Brennpunkte und Spannungen nehme ich hier viel stärker und unmittelbarer wahr. Es entstehen zahlreiche Diskurse, die laut diskutiert und debattiert werden. In diesem Sinne strukturieren sie natürlich auch mein Denken und fließen in der einen oder anderen Form in meine künstlerische Arbeit ein. Man kann sich hier einer kritischen Auseinandersetzung mit heutigen Gesellschaftsstrukturen und aktuellen Machtverhältnissen kaum entziehen. Darauf zu reagieren und eine adäquate künstlerische Übersetzungsform zu finden, ist eine interessante Herausforderung. Sich zwischen zwei Städten und zwei Ländern, zwischen zwei Kulturen zu bewegen ergibt zudem die spannende Möglichkeit, das Gelebte, das Erfahrene, jeweils in ein Verhältnis zueinander zu setzen.

NW: Ich kann mir gut vorstellen, was du in Bezug auf die sozialen Brennpunkte beschreibst. In den vergangenen Monaten hatte ich zum ersten Mal seit langem den Eindruck, dass die Realität der Grenze, oder der Grenzziehung, bei vielen Menschen in der Schweiz Fragen aufgeworfen hat. Die Antwort haben wir gestern leider nur zu deutlich erhalten und ich hoffe, dass wir es nach den wütenden Bekundungen möglich machen, wieder Platz für Hoffnung zu schaffen. Wie hast Du die politische Wende nach rechts, auch von Paris aus, erlebt? Der politische Wahlkampf in der Schweiz zeichnet sich ja nicht zuletzt durch eine eigene visuelle Propaganda aus die nicht selten im Ausland diskutiert wird.

DK: Diese Entwicklung lässt sich leider vielerorts beobachten. In oft sehr undifferenzierten Aussagen und äusserst populistisch geführten Diskussionen wird vor allem auf emotionaler Ebene operiert. Da wo es aber vorrangig um Emotionen geht, geht es nicht um Inhalte. Das heisst die inhaltliche Bedeutung kommt erst später und nebenbei hinzu. Eine objektive Interpretation der Zeichen oder eine kritische, klare Analyse werden so verschleiert. Aus dieser Desorientierung heraus und aus Angst sich darin selbst zu verlieren sperrt man auch die Grenzen gegenüber anderen zu. Und zugleich spielen solche Dynamiken einem System in die Hände, das vor allem auf eine stetige Gewinnoptimierung ausgerichtet ist.